Eigentlich sind Soziale Medien nicht das Problem, welche sie in der Bevölkerung teilweise unbeliebt oder gar verhasst machen. Vielmehr ist es der Besitz und deren Kontrolle durch eine kleine reiche Gruppe von Menschen. Hinzu kommen die undemokratische oder von zu wenig Mitbestimmungs-gesetzen etc. regulierte Macht über die jeweilige Plattform. Die Politik hat zu lange zugesehen oder versagt. Nur wenige tun etwas dagegen. Nicht umsonst haben Staaten früher die Medien kontrolliert. Hier hat die Privatisierung im Zuge des Neoliberalismus den größten Schaden angerichtet. Soziale Medien haben sich zum Negativen entwickelt. Normalerweise sollen die Sozialen Medien der Vernetzung dienen, dem Informationsaustausch und der Unterhaltung, indem sie Privatpersonen, Unternehmen und Organisationen verbinden und neue Formen der Kommunikation ermöglichen. Zunehmend aber auch Chancen (Engagement, Information) und Risiken (Fake News, Echokammern, Polarisierung) für die Meinungsbildung und Demokratie bergen. Wie bereits angedeutet, haben die Plattformen leider auch viele negative Seiten, die sich in der letzten Zeit sehr zugespitzt haben. Das wäre z.B. die dazwischen geschaltete Werbung, die auf die Persönlichkeit zugeschnitten wird und eigentlich nicht gewünscht ist. Die Betreiber der sozialen Medien sitzen ausschließlich in den USA. Europa hat seine Medienlandschaft den US-Konzernen überlassen. Die europäischen Länder haben nun kaum noch Einfluss und wenig Kontrolle über die vorgeschalteten Algorithmen, die die gezeigten Einträge erzeugen.
Heute dienen diese bei vielen als „asozial“ bezeichneten Medien für die Verbreitung von Hass und Extremismus. Das ist kein Zufall. Über tausendfache Fake Accounts und anonyme Accounts wird Stimmung gemacht, die in dieser Breite nicht vorhanden wäre. Mehrheiten werden vortäuscht. Wir leben in einem Widerspruch, der gefährlich geworden ist. Rechte Netzwerke kompensieren ihre reale Schwäche auf der Straße durch digitale Lautstärke. Nicht mit Argumenten, sondern mit Masse. Nicht mit Diskussion, sondern mit Übersteuerung durch algorithmische Verstärkung. Der Mechanismus dahinter ist simpel und effektiv: Mehrheitsillusion: Viele Kommentare wirken wie „viele Menschen“ – und damit wie „die Mehrheit“. Die simulierte Mehrheit ist laut – aber sie ist nicht die Wirklichkeit.
Im Netz sind Menschen auch weiteren Gefahren ausgesetzt: Gewalt, Pornografie, Hass und Mobbing. Bei jungen Menschen hat das Vergleichen im Internet starke negative Auswirkungen, zum Beispiel auf den Selbstwert, aber auch auf Essstörungen, das Körperbild, depressive Verstimmung oder die Sorge um den eigenen Körper. Die Kombination von vorgegebenen Einträgen kann süchtig machen.
Die gefährlichste Wirkung entsteht nicht im Kommentar, sondern bei den stillen Mitlesern. Wer diese Aggression sieht, schweigt. Aus Angst. Aus Erschöpfung. Aus dem Gefühl: „Ich bin allein.“ Genau das ist beabsichtigt. Diese Kampagnen sollen nicht überzeugen – sie sollen entmutigen. Die Wahrheit ist: Eine demokratische Mehrheit existiert. Sie ist messbar. Sie ist real. Aber ihre digitale Sichtbarkeit wird systematisch verzerrt.
Deshalb wäre es wichtig, dass zukünftig diese Plattformen erst für Jugendliche ab 16 Jahre genutzt werden sollten. Australien hat den ersten Schritt gemacht. Weitere Länder werden folgen: Frankreich, Spanien, …
Was muss sich zukünftig verändern?
Hass und die Hetze sind eine Zumutung und das muss man sich nicht antun. Es hilft nur, wenn man sich endlich trauen würde, die Betreiber von Plattformen zu zwingen ihre Algorithmen von Empörung auf Qualität umzubauen.
“Menschen, die sozial isoliert sind, finden online die Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu kommen. Viele Menschen aus dem autistischen Spektrum können online auch besser mit anderen interagieren als in anderen sozialen Situationen.” Auch Jugendliche, die queer oder trans sind, könnten online eine Gemeinschaft finden, die ihnen in ihrem Heimatort möglicherweise fehlt. Oder Menschen mit speziellen Hobbys und Interessen, die sich im Netz zusammenfinden.
Wir sollten eigene soziale Medien in Europa schaffen und uns von Amerika unabhängig machen.
Text: Christine Walther